Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 8, "Revolution und Konterrevolution in Deutschland", S. 39-43
Dietz Verlag, Berlin/DDR, 1960
V - [Der Wiener Märzaufstand] | Inhalt | VII - [Die Frankfurter Nationalversammlung]
VI
[Der Berliner Aufstand]
So groß war die Furcht der neuen Minister vor den erregten Massen, daß in ihren Augen jedes Mittel recht war, wenn es nur dahin zielte, die erschütterten Grundlagen der Autorität zu festigen. Diese armen, betrogenen Wichte glaubten, jede Gefahr einer Wiederaufrichtung des alten Systems sei vorüber, und daher setzten sie den ganzen alten Staatsapparat in Bewegung, um die "Ordnung" wiederherzustellen. Nicht ein einziger Bürokrat oder Offizier wurde entlassen, nicht die leiseste Änderung im alten bürokratischen Verwaltungssystem vorgenommen. Diese trefflichen konstitutionellen verant- <41> wortlichen Minister setzten sogar jene Beamten wieder in ihre Stellen ein, die das Volk in der ersten Hitze des revolutionären Eifers wegen früherer bürokratisch anmaßender Handlungen davongejagt. Nichts wurde in Preußen geändert außer der Person der Minister; selbst der Beamtenstab der verschiedenen Ministerien blieb unangetastet, und der ganzen Meute der konstitutionellen Postenjäger, die den Chor der frischgebackenen Staatslenker gebildet und auf ihren Anteil an Macht und Würden gerechnet, wurde bedeutet zu warten, bis die Wiederherstellung gefestigter Zustände Veränderungen im Beamtenpersonal gestatte, die im Augenblick nicht ungefährlich seien.
Der König, der nach dem Aufstand vom 18. März völlig zusammengebrochen war, kam sehr bald dahinter, daß er für diese "liberalen" Minister ebenso notwendig war wie sie für ihn. Der Thron war von dem Aufstand verschont geblieben; der Thron verblieb als einzige Schranke gegen die "Anarchie"; die liberale Bourgeoisie und ihre Führer, die jetzt in der Regierung saßen, hatten daher alle Ursache, das beste Einvernehmen mit der Krone zu wahren. Der König und seine nächste Umgebung, die reaktionäre Kamarilla, hatten das bald entdeckt und nutzten diesen Umstand, um das Vorgehen des Ministeriums selbst bei jenen winzigen Reformen zu hemmen, zu denen es zeitweise einen Anlauf nahm.
Die erste Sorge des Ministeriums ging dahin, den jüngsten, gewaltsam erzwungenen Veränderungen eine Art gesetzlichen Anstrichs zu geben. Ohne Rücksicht auf den Widerspruch im ganzen Volke wurde der Vereinigte Landtag einberufen, um als das gesetz- und verfassungsmäßige Organ des Volkes ein neues Wahlgesetz für die Wahl einer Versammlung zu beschließen, die mit der Krone eine neue Verfassung vereinbaren sollte. Die Wahlen sollten indirekt sein, dergestalt, daß die Masse der Wähler eine Anzahl Wahlmänner wählte, die dann ihrerseits die Abgeordneten zu wählen hätten. Trotz aller Opposition fand dies indirekte Wahlsystem Annahme. Der Vereinigte Landtag wurde dann um eine Anleihe von fünfundzwanzig Millionen Taler angegangen, die gegen den Widerspruch der Volkspartei gleichfalls bewilligt wurde.
Dank diesem Vorgehen des Ministeriums nahm die Volkspartei, oder wie sie sich jetzt nannte, die demokratische Partei, einen außerordentlich raschen Aufschwung. Diese Partei, die unter der Führung der Klasse der Handwerker und Kleinhändler stand und zu Beginn der Revolution auch die große Mehrheit der Arbeiter um ihr Banner scharte, forderte das allgemeine und direkte Wahlrecht nach französischem Muster, eine einzige gesetzgebende Versammlung und völlige, offene Anerkennung der Revolution vom 18. März als Grund- <42> lage des neuen Regierungssystems. Ihr gemäßigter Flügel wollte sich mit einer auf diese Weise "demokratisierten" Monarchie zufriedengeben, der fortgeschrittenere forderte als Endziel die Errichtung der Republik. Beide waren sich darin einig, daß sie die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt als höchste Gewalt des Landes anerkannten, während die Konstitutionalisten und Reaktionäre vor der Souveränität dieser Körperschaft, die sie als eine durch und durch revolutionäre hinstellten, einen heftigen Abscheu zur Schau trugen.
Die selbständige Bewegung der Arbeiterklasse hatte durch die Revolution eine zeitweise Unterbrechung erfahren. Die unmittelbaren Bedürfnisse und Umstände der Bewegung gestatteten es nicht, auch nur eine der besonderen Forderungen der proletarischen Partei in den Vordergrund zu stellen. In der Tat, solange der Boden für ein selbständiges Vorgehen der Arbeiter nicht geebnet, solange das allgemeine, direkte Wahlrecht nicht eingeführt war, solange noch die 36 größeren und kleineren Staaten bestanden, durch die Deutschland in zahllose Gebietsfetzen zerrissen wurde - was blieb da der proletarischen Partei anders übrig, als die für sie hochwichtige Bewegung in Paris aufmerksam zu verfolgen und gemeinsam mit dem Kleinbürgertum um jene Rechte zu kämpfen, die ihr später ermöglichen würden, ihre eigene Schlacht zu schlagen?
Es gab somit nur drei Punkte, in denen sich die proletarische Partei in ihrem politischen Auftreten von der Partei der Kleinbürger oder, richtiger ausgedrückt, von der sogenannten demokratischen Partei wesentlich unterschied: erstens, die verschiedene Beurteilung der Vorgänge in Frankreich, insofern nämlich die Demokraten die Partei der äußersten Linken in Paris angriffen, während die proletarischen Revolutionäre sie verteidigten; zweitens, das Eintreten für die Notwendigkeit der Errichtung der einen, unteilbaren deutschen Republik, während selbst die Allerradikalsten unter den Demokraten nur nach einer föderativen Republik zu seufzen wagten; und drittens, jene bei jeder Gelegenheit bewiesene revolutionäre Kühnheit und Aktionsbereitschaft, die einer vom Kleinbürgertum geführten und hauptsächlich aus Kleinbürgern zusammengesetzten Partei immer fehlen wird.
Der proletarischen, der wirklich revolutionären Partei gelang es nur sehr allmählich, die Masse der Arbeiter dem Einfluß der Demokraten zu entziehen, deren Anhängsel sie zu Beginn der Revolution bildeten. Aber die Unentschlossenheit, Schwäche und Feigheit der demokratischen Führer taten zu gegebener Zeit das ihrige, und man kann heute sagen: eines der wichtigsten Ergebnisse der Erschütterungen der letzten Jahre besteht darin, daß sich die Arbeiterklasse überall, wo sie in einigermaßen beträchtlichen Massen konzen- <43> triert ist, völlig von jenem demokratischen Einfluß freigemacht hat, der sie in den Jahren 1848 und 1849 zu einer endlosen Reihe von Fehlern und Mißgeschicken geführt hat. Doch wir greifen besser nicht vor; die Ereignisse dieser beiden Jahre werden uns reichlich Gelegenheit geben, die demokratischen Herrschaften am Werke zu sehen.
Die Bauernschaft hatte in Preußen, genau wie in Österreich - nur weniger energisch, da hier der Feudalismus alles in allem nicht ganz so schwer auf ihr lastete -, die Revolution dazu benutzt, sich mit einem Schlage aller feudalen Fesseln zu entledigen. Hier aber wandte sich die Bourgeoisie, aus den oben angeführten Gründen, sofort gegen die Bauernschaft, ihren ältesten, unentbehrlichsten Verbündeten. Die Demokraten, denen die sogenannten Angriffe auf das Privateigentum den gleichen Schrecken einjagten wie der Bourgeoisie, ließen sie ebenfalls im Stich; so kam es, daß nach einer Emanzipation von drei Monaten, nach blutigen Kämpfen und militärischen Exekutionen, insbesondere in Schlesien, der Feudalismus durch die gestern noch antifeudale Bourgeoisie wiederhergestellt wurde. Damit hat sie sich selbst aufs schärfste verurteilt. Niemals im Lauf der Geschichte hat eine Partei an ihrem besten Bundesgenossen, ja an sich selbst, einen solchen Verrat verübt, und was dieser Bourgeosiepartei an erniedrigenden Demütigungen noch bevorstehen mag, sie hat sie schon durch diese eine Tat vollauf verdient.
London, Oktober 1851