Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 8, "Revolution und Konterrevolution in Deutschland", S. 53-56
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
VIII - [Polen, Tschechen und Deutsche] | Inhalt | X - [Der Pariser Aufstand - Die Frankfurter Nationalversammlung]
IX
[Der Panslawismus -
Der Krieg in Schleswig-Holstein]
Die Böhmen und Kroaten riefen nun einen allgemeinen Slawenkongreß nach Prag zur Vorbereitung einer allumfassenden slawischen Allianz. Dieser Kongreß hätte auch ohne das Eingreifen des österreichischen Militärs einen entschiedenen Mißerfolg erlitten. Die einzelnen slawischen Sprachen unterscheiden sich voneinander ebenso stark wie das Englische, das Deutsche und das Schwedische, und als die Versammlungen eröffnet wurden, fehlte es an einer gemeinsamen slawischen Sprache, in der die Redner sich verständigen konnten. Man versuchte es mit dem Französischen, aber die Mehrzahl kam auch damit nicht zurecht, und so waren die armen slawischen Enthusiasten, deren einziges gemeinsames Empfinden der gemeinsame Haß gegen die Deutschen war, schließlich gezwungen, sich der verhaßten deutschen Sprache zu bedienen, weil sie die einzige war, die alle verstanden! Gerade damals versammelte sich aber in Prag noch ein anderer Slawenkongreß in der Gestalt galizischer Ulanen, kroatischer und slowakischer Grenadiere, böhmischer Kanoniere und Kürassiere, und dieser reale, bewaffnete slawische Kongreß unter dem Kommando von Windischgrätz jagte in weniger als vierundzwanzig Stunden die Begründer einer imaginären slawischen Oberherrschaft zur Stadt hinaus und zerstreute sie in alle Winde.
Die böhmischen, mährischen, dalmatinischen und ein Teil der polnischen Abgeordneten (die Aristokratie) im österreichischen verfassunggebenden Reichstag führten in dieser Versammlung einen systematischen Kampf gegen das deutsche Element. Die Deutschen und ein Teil der Polen (der verarmte Adel) waren in der Versammlung die Hauptvertreter des revolutionären Fortschritts; die Masse der slawischen Abgeordneten, die gegen sie auf- <55> traten, begnügten sich jedoch nicht damit, auf diese Weise die reaktionäre Tendenz ihrer ganzen Bewegung zu zeigen, sondern waren tief genug gesunken, um mit der gleichen österreichischen Regierung, die ihre Versammlung in Prag auseinanderjagte, zu intrigieren und zu konspirieren. Auch sie erhielten für dieses schmähliche Verhalten ihren Lohn; nachdem sie sich während des Oktoberaufstandes 1848, der ihnen schließlich die Mehrheit im Reichstag verschaffte, auf die Seite der Regierung gestellt, wurde der nunmehr fast ausschließlich slawische Reichstag ebenso durch österreichische Soldaten auseinandergetrieben wie der Prager Kongreß, und den Panslawisten wurde mit dem Kerker gedroht, falls sie sich nochmals rühren sollten. Und sie haben nur das eine erreicht, das die slawische Nationalität jetzt überall durch österreichische Zentralisation untergraben wird, ein Ergebnis, das sie ihrem eigenen Fanatismus und ihrer eigenen Blindheit zu danken haben.
Wären die Grenzen zwischen Ungarn und Deutschland irgendwie problematisch gewesen, so wäre bestimmt auch dort ein Streit entstanden. Aber zum Glück gab es dazu keinen Vorwand, und da die Interessen der beiden Nationen eng miteinander verknüpft waren, kämpften sie gegen die gleichen Feinde, nämlich die österreichische Regierung und den panslawistischen Fanatismus. Ihr gutes Einvernehmen wurde nicht einen Augenblick getrübt. Dagegen verwickelte die Revolution in Italien wenigstens einen Teil Deutschlands in einen für beide Seiten mörderischen Krieg, und als Beweis dafür, wie weit es dem Metternichschen System gelungen war, die Entwicklung des politischen Denkens allgemein hintanzuhalten, muß hier festgestellt werden, daß im Verlauf der ersten sechs Monate des Jahres 1848 die gleichen Männer, die in Wien auf die Barrikaden gestiegen, voll Begeisterung zu der Armee eilten, die gegen die italienischen Patrioten kämpfte. Diese bedauerliche Ideenverwirrung war indessen nicht von langer Dauer.
Endlich gab es noch den Krieg mit Dänemark wegen Schleswig und Holstein. Diese Länder, der Nationalität, Sprache und Neigung nach unzweifelhaft deutsch, sind auch aus militärischen, maritimen und kommerziellen Gründen für Deutschland notwendig. Ihre Bewohner haben während der letzten drei Jahre einen harten Kampf gegen das Eindringen der Dänen geführt. Überdies war nach den Staatsverträgen das Recht auf ihrer Seite. Die Märzrevolution brachte sie in offene Kollision mit den Dänen, und Deutschland unterstützte sie. Aber während in Polen, in Italien, in Böhmen und später in Ungarn die militärischen Operationen mit dem größten Nachdruck betrieben wurden, ließ man die Truppen in diesem Kriege, dem einzigen, der populär, dem einzigen, der wenigstens zum Teil revolutionär war, geflissentlich nutzlos hin und her marschieren und nahm die Einmischung auswärtiger <56> Diplomatie hin, was nach manchem heldenmütigen Gefecht zu einem höchst kläglichen Ende führte. Die deutschen Regierungen übten an der schleswig-holsteinischen revolutionären Armee bei jeder Gelegenheit Verrat und ließen sie, wenn sie verstreut oder geteilt war, absichtlich von den Dänen zersprengen. Mit den deutschen Freiwilligenkorps verfuhr man in gleicher Weise.
Aber während so der deutsche Name auf allen Seiten nichts als Haß erntete, rieben sich die deutschen konstitutionellen und liberalen Regierungen vergnügt die Hände. Es war ihnen gelungen, die Bewegung in Polen und Böhmen niederzuwerfen. Überall hatten sie die alten nationalen Gegensätze zu neuem Leben erweckt, die solange einem guten Einvernehmen und gemeinsamen Vorgehen von Deutschen, Polen und Italienern im Wege gestanden. Sie hatten das Volk an Bürgerkrieg und militärische Unterdrückung gewöhnt. Die preußische Armee hatte in Polen, die österreichische in Prag ihr Selbstvertrauen wiedergefunden; und während die von Patriotismus überströmende revolutionäre, aber kurzsichtige Jugend (die "patriotische Überkraft" <In der "N.-Y.D.T." deutsch>, wie Heine sie nannte) nach Schleswig und in die Lombardei gelenkt wurde, damit sie unter den Kartätschen des Feindes verblutete, gab man der regulären Armee, dem wirklichen Werkzeug in der Hand sowohl Preußens wie auch Österreichs, durch Siege über das Ausland Gelegenheit, sich bei der Öffentlichkeit wieder in Gunst zu setzten. Wir wiederholen jedoch: Kaum hatten diese Armeen, von den Liberalen neu gestärkt, um gegen die fortgeschrittenere Partei eingesetzt zu werden, ihr Selbstvertrauen und ihre Disziplin einigermaßen wiedererlangt, da wendeten sie sich gegen die Liberalen und verhalfen den Männern des alten Systems wieder zur Macht. Als Radetzky in seinem Lager jenseits der Etsch die ersten Befehle der "verantwortlichen Minister" in Wien erhielt, rief er aus: "Wer sind diese Minister? Sie sind nicht die österreichische Regierung. Österreich existiert jetzt nur mehr in meinem Lager; ich und meine Armee, wir sind Österreich; wenn wir erst die Italiener geschlagen haben, werden wir das Reich für den Kaiser zurückerobern!" Und der alte Radetzky hatte recht - nur die schwachköpfigen "verantwortlichen" Minister in Wien achteten nicht auf ihn.
London, Februar 1852