Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 8, "Revolution und Konterrevolution in Deutschland", S. 93-97
Dietz Verlag, Berlin/DDR, 1960
XVI - [Die Nationalversammlung und die Regierungen] | Inhalt | XVIII - [Die Kleinbürger]
XVII
[Der Aufstand]
Nun ist der Aufstand eine Kunst, genau wie der Krieg oder irgendeine andere Kunst, und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in einem solchen Falle zu tun hat, sind so klar und einfach, daß die kurze Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen gemacht hat. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Werte sich jeden Tag ändern können; die Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite; kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet. Zweitens, hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handele man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sichere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l'audace, de l'audace, encore de l'audace! <Kühnheit, Kühnheit, und abermals Kühnheit!>
Was hatte also die Frankfurter Nationalversammlung zu tun, um dem <96> sichern Verderben zu entgehen, das ihr drohte? Vor allem mußte sie die Situation klar erfassen und sich überzeugen, daß sie keine andere Wahl mehr hatte, als sich entweder bedingungslos den Regierungen zu unterwerfen oder sich rückhaltlos und ohne zu Zaudern auf die Seite des bewaffneten Aufstandes zu stellen. Zweitens mußte sie sich öffentlich zu all den Erhebungen bekennen, die bereits ausgebrochen, überall das Volk aufrufen, die Waffen zur Verteidigung der Vertreter der Nation aufzunehmen und alle Fürsten, Minister und alle anderen für vogelfrei erklären, die es wagen sollten, sich dem souveränen, von seinen Beauftragten vertretenen Volk zu widersetzen. Drittens mußte sie sofort den deutschen Reichsverweser absetzen, eine starke, aktive, rücksichtslose Exekutivgewalt schaffen, aufständische Truppen zu ihrem unmittelbaren Schutz nach Frankfurt rufen und damit zugleich einen gesetzlichen Vorwand für das Umsichgreifen des Aufstands liefern, alle zu ihrer Verfügung stehenden Kräfte zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfassen, kurz, rasch und ohne zu Zögern jedes zu Gebote stehende Mittel benützen, um die eigene Stellung zu stärken und die des Gegners zu schwächen.
Von alledem taten die tugendhaften Demokraten in der Frankfurter Versammlung das gerade Gegenteil. Nicht damit zufrieden, den Dingen ihren Lauf zu lassen, gingen diese Biederen so weit, durch ihren Widerstand alle sich vorbereitenden Aufstandsbewegungen zu unterdrücken. Das tat z.B. Herr Karl Vogt in Nürnberg. Sie sahen zu, wie die Aufstände in Sachsen, in Rheinpreußen und in Westfalen niedergeschlagen wurden, ohne ihnen anders beizustehen als durch einen Nachruf, einen sentimentalen Protest gegen die gefühllose Brutalität der preußischen Regierung. Sie unterhielten einen geheimen diplomatischen Verkehr mit den Aufständischen in Süddeutschland, hüteten sich aber, sie durch offene Anerkennung zu unterstützen. Sie wußten, daß der Reichsverweser mit den Regierungen unter einer Decke steckte, und dennoch wandten sie sich an ihn, der sich die ganze Zeit nicht rührte, mit dem Verlangen, den Intrigen dieser Regierungen entgegenzutreten. Die Reichsminister, alte Konservative, machten sich in jeder Sitzung über diese impotente Versammlung lustig, und sie ließ es sich gefallen. Und als Wilhelm Wolff, ein Abgeordneter aus Schlesien und einer der Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung", sie aufforderte, den Reichsverweser für vogelfrei zu erklären, den er mit Recht als den ersten und größten Reichsverräter bezeichnete, da wurde er von der einmütigen, tugendhaften Entrüstung dieser demokratischen Revolutionäre niedergebrüllt! Kurz, sie fuhren fort zu parlieren, zu protestieren, zu proklamieren, zu deklarieren, hatten aber nie den Mut oder den Verstand zu handeln. Mittlerweile rückten <97> ihre Feinde, die Truppen der Regierungen, näher und näher, während ihre eigene Exekutivgewalt, der Reichsverweser, eifrig über ihre rasche Beseitigung mit den deutschen Fürsten konspirierte. So verlor diese verächtliche Versammlung selbst die letzte Spur von Ansehen; den Aufständischen, die sich zu ihrem Schutz erhoben hatten, wurde sie völlig gleichgültig, und als sie schließlich, wie wir noch sehen werden, ein schmähliches Ende nahm, verschied sie, ohne das ihr ehrloser Abgang auch nur die mindeste Beachtung gefunden hätte.
London, August 1852